Jahrtag der friedlichen Übergabe der Stadt Radolfzell vor 75 Jahren.

 
Alles hätte ganz anders ausgehen können. Doch es gibt Zeichen, im rechten Augenblick gesetzt, die Begegnungsräume weiten. So am 25. April 1945 in Radolfzell. Der Tag wird aus verschiedenen Blickwinkeln und Interessen später erzählt. Auf jeden Fall war eine weiße Fahne, ein Bettlaken, vom Münsterturm aus im richtigen Augenblick sichtbar. Vikar Ruby (sh. Foto) ging auf den Münsterturm und „hisste die Fahne“, Pfarrer Zuber stand unten vor dem Turmaufgang und sicherte die Tür. Für die Franzosen ein klares Zeichen, dass die Stadt friedlich übergeben werden möchte. Das weiße Laken ist bis heute vorhanden und wird immer wieder an diesen Augenblick erinnern. Es macht greifbar, dass es Menschen braucht, die eine Entscheidung treffen und klare Zeichen setzen und dafür geradestehen.
Der 25. April ist der Tag des Heiligen Markus. Nach ihm wird das früheste Evangelium benannt.  Dieses Evangelium wirbt mit Leidenschaft für Jesus von Nazareth und nimmt alle, die es hören mit auf dessen Spuren der Gottes- und Nächstenliebe. Einer Grundhaltung der Achtung der Menschenwürde, das mutige Eintreten für Recht und Gerechtigkeit, Liebe und Erbarmen.
Am 23.12.2019 gedachten wir des 50. Todestages von Pfarrer Zuber. Über ihn schrieb Christof Stadler zu diesem Jahrtag: „Pfarrer Zuber unterstützte seine Vikare, u. a. Karl Ruby, bei dessen unerschrockener Jugendarbeit. Ruby und Zuber setzten mit dem Hissen der weißen Fahne auf dem Münsterturm am Markustag 1945 das notwendige Zeichen für die friedvolle Übergabe an die Franzosen und bewahrten die Stadt mit anderen vor der Zerstörung. Zusammen mit Bürgermeister Gohl gründete er eine Notgemeinschaft für Evakuierte und Flüchtlinge.“
 
Ob wir an diesem Tag ein Gedenken und Friedensgebet im Münster begehen können, ist noch offen. Auf jeden Fall ist die „Weiße Fahne“ sichtbar im Münster und die Türen sind offen.
 
 
 

Zum Gedächnis an die Bewahrung Von Radolfzell vor 75 Jahren

Am 25. April 1945, vor 75 Jahren,

haben mutige Personen dazu beigetragen,
dass die Stadt Radolfzell nicht dem Erdboden gleich gemacht wurde.
Gerade Pfarrer Zuber und Vikar Ruby rücken für uns an diesem Gedenktag in den Blick.
Vikar Ruby hisste vom Münsterturm die weiße Fahne, die zum klaren Signal für eine friedliche Übergabe wurde.
Für mich heißt dies:
 „Wir wollen Frieden nicht Krieg.
Wir wollen, dass die Waffen schweigen und nicht noch mehr Tod und Zerstörung bringen.
Wir wollen friedlich diese Stadt übergeben und nicht noch mehr Menschenleben in sinnlosen Kämpfen opfern.“
 
Wenn es um eine Botschaft heute geht,
dann, dass es immer die Menschen braucht,
die mit Herz und Verstand mutig handeln,
die nicht nur das eigene Wohl im Blick haben,
sondern das aller.
Die Frage war,
wie können wir großen Schaden abwenden
und nicht,
wie komme ich heil davon.
 
Ich habe Achtung vor denen, die damals dieses Zeichen setzten
und deutlich machten: Es ist genug mit Krieg!
 
Pfarrer Heinz Vogel
 
Die beiden Beiträge basieren auf der Pfarrchronik (Zuber-Chronik), Archivunterlagen und Zeitzeugen-Berichten.
Kriegsende in Radolfzell vor 75 Jahren                                (Teil 1)
„Tod und Leben, die kämpften unbegreiflichen Zweikampf…“
Die aus dem 11. Jh. stammende und in der Osternacht 1945 ebenso gesungene, sehr eindringliche Ostersequenz mit der Auseinandersetzung von Tod und Leben, mochte wohl bei vielen am Kriegsende wie eine Vorahnung geklungen haben. Noch verliefen die Ostertage weitgehend ohne gravierende Störungen ab. Die Apriltage 1945 zählen zu den dramatischsten Momenten in der Geschichte der Stadt Radolfzell und es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre die Stadt zu einem Schutt- und Aschehaufen bombardiert worden. Am 13. April mussten alle männlichen Einwohner zwischen 14 und 70 Jahren im Scheffelhof die Hetzreden des SS-„Kampfkommandanten“ Schmidt und des Hauptsturmführers Kurt Groß anhören, in denen jene, wütend über die „lasche“ Haltung der Radolfzeller, den Befehl des Führers verlasen, dass jeder Ort bedingungslos zu verteidigen sei und jeder Widerstand mit dem Tod durch ein Standgericht bestraft würde. In der darauffolgenden Nacht verschmierten Hitlerbuben die Kirche, das Rathaus und zahlreiche Schaufenster mit armseligen Parolen. Dass dies keine leere Drohung war, belegen die Erschießungen des Unterscharführers Stiefel am 22.2. und des 17jährigen Gottfried Staub am 11. April wegen angeblichen Fluchtversuches in der Kaserne, weil sie den weiteren Kampf für sinnlos erachteten. Weitere Erschießungen folgten.
Es begannen angsterfüllte Tage des Wartens. Spätestens am Samstag den 21. April wurde den Radolfzellern bewusst, wie die direkten Kriegsfolgen nun auch die Stadt erreicht hatten. Gegen neun Uhr erfolgten erste Angriffe durch britische Jagdflieger auf das Bahnbetriebswerk und die Gleisanlagen, bei denen zwei Eisenbahner den Tod fanden. Bei einer zweiten Angriffswelle um 10 Uhr wurde das Krankenhaus beschossen und mehrere Flügelminen durchschlugen das Dach und wie ein Wunder blieb eine Phosphorgranate im 2. Obergeschoss zerbrochen liegen, ohne zu explodieren. Zimmermeister Blum wurde in der Bismarckstraße von einem Tiefflieger schwer verwundet. Am Güterbahnhof trafen Jagdflieger zwei Güterzüge. Die zum Teil in Brand geratene Munition löste den ganzen Tag über Explosionen aus und beschädigte benachbarte Lagerhallen und angrenzende Wohnhäuser der Mooser- und Fr. Werberstraße. Erst nach einiger Zeit gelang es, die Munitionswaggons des einen Zuges abzukoppeln. Am Abend und in der Nacht plünderten Einheimische sowie ausländische Arbeiter das übrige Material aus den unbeschädigten Waggons und den Lagerhallen. Dabei kam es zu grotesken Situationen. Als der Ortsgruppenleiter Gräble Militärstiefel durch die Schiebetüre verteilte, angelte ein Bursche auf dem Dach durch ein Lüftungsrohr auf eigene Faust Stiefel heraus und gab sie an seine Kameraden weiter. Aus den „eroberten“ blau-weiß karierten Decken schneiderten sich später manche Frauen Kleider. Bei den Luftangriffen kamen mindestens vier Einwohner ums Leben und 14 wurden zum Teil schwer verletzt. Am 22. April kamen junge Burschen der Radolfzeller SS unter Führung des fanatischen Sturmführers Groß nach Wahlwies, um den Vormarsch der Franzosen zu stoppen, dabei erschossen sie vier Mann des Volksturmes, die das Schließen der Panzersperren als Unfug bezeichneten. Die Angst vor weiteren Angriffen wuchs und der unsinnige Verteidigungsbefehl förderte die Unsicherheit in der Bevölkerung, so dass eine Fluchtbewegung in die Umgebung einsetzte, um wenigstens das Notwendigste in Sicherheit bringen zu können.
 
 
Kriegsende in Radolfzell vor 75 Jahren                                (Teil 2)
 
„Und wenn das ganze Nest dem Erdboden gleich gemacht wird…“
Es war in den frühen Morgenstunden des 25. April 1945, als sich von Singen aus drei französische Verbände über Überlingen a. R., Böhringen und Steißlingen auf den Weg nach Radolfzell machten. Die Spannung in der Bevölkerung über das weitere Schicksal der Stadt stieg, zumal die Führung nicht von dem Befehl der Verteidigung abrückte. Vier Tage zuvor hatte der von den Nazis seit März eingesetzte elsässische „Bürgermeister“ Rainer Schlegel eine Notiz hinterlassen, wonach die Stadt sich ergegeben würde. Dies wurde von Bürgermeister-Stellvertreter August Kratt via Stadtfunk verkündet. Die Erleichterung währte indes nur wenige Stunden. Auf Druck der SS musste er dies als „Falschmeldung“ zurücknehmen und damit die Verteidigung aktivieren. Die gefährliche Spannung wurde nicht zuletzt durch zahllose versprengte Soldatengruppen ausgelöst, die auf der Flucht vor den Franzosen neben geflohenen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern die Stadt durchzogen. Zudem wusste niemand genau, wie viele SS-Männer sich noch in der Kaserne befanden. Die dramatischen Ereignisse im Zeitraffer: Der Tag beginnt um 6 Uhr mit der traditionellen Markus-Prozession, die jedoch mit dem Gottesdienst im Münster abgehalten wird. Gegen 7.30 Uhr melden Luftschutzbeobachter auf dem Turm französische Truppenbewegungen vor Böhringen und Überlingen am Ried. Gegen 9 Uhr werden auf Befehl des „Kampfkommandanten“ die Panzersperren und Stadteingänge in Radolfzell geschlossen. SS-Leute drangsalieren Bewohner der Innenstadt und zwingen ältere Männer des Volkssturmes zu Arbeiten an den Sperren. Der französische Beschuss mit Panzergranaten und mittlerer Artillerie beginnt. Im Laufe des Tages erhalten insbesondere die Firmen Schiesser und Allweiler, sowie die Post und einige Privathäuser Treffer. Der Angriff wird von der Flak der Kaserne erwidert. Daraufhin schießen die Franzosen das Wirtschaftsgebäude und Führerheim der Kaserne in Brand. Als ein französischer Panzerspähwagen vor Neubohlingen getroffen wird, stockt die Kolonne und antwortet mit Artillerie und Maschinengewehr, dabei wird ein Mann schwer verletzt, der anderntags seinen Verwundungen erliegt. Das Stellwerk neben der Mooser Eisenbahnbrücke wird hierbei zerstört. Auch die Rotkreuzschwester Christa Kiefer wird auf dem Weg zu einem Einsatz nach Böhringen tödlich getroffen. Die Beschießung der Stadt setzt sich bis 13 Uhr fort. Gegen 11 Uhr verlassen die vier Beobachter der Luftschutzpolizei den Münsterturm. Vikar Ruby, der von Stadtpfarrer Josef Zuber auf den Turm gesandt wird, hält fernmündlich Kontakt mit Polizeichef Frei. Dieser versucht vergeblich Bürgermeister-Stellvertreter Kratt zu erreichen. Gegen 11.30 Uhr nimmt ein französischer Offizier von dem bereits eingenommenen Böhringen aus Kontakt mit Radolfzell auf. Postbeamte Berger versteht glücklicherweise Französisch und findet Kratt vor dessen Haus. Zusammen gehen sie zum Hotel Sonne-Post (heute Volksbank), dem Standortquartier der Kampfkommandantur. Dort treffen sie aber nur auf Untergebene, die versprechen, den Kommandanten zu informieren. Schwere Artillerie zerstört Teile der Firma Allweiler. Gegen 12.30 Uhr droht der französische Offizier erneut die Bombardierung an. Auf der Post bitten die versammelten Berger, Kratt, Gräble und Volkssturmführer Schreiber um eine 20minütige Feuerpause. Kurz danach kommt vom „Kampfkommandanten“ aus Güttingen die letzte Drohung, Radolfzell zu halten und wer fliehe, werde erschossen. Die Feuerpause läuft ab und der frz. Befehlshaber teilt dem Revierführer Frei auf der Polizei wörtlich mit: „Hier Kommandeur der frz. Armee. Ist der Herr Bürgermeister bei Ihnen? Sagen Sie dem Bürgermeister, wenn die unsinnige Schießerei in Radolfzell nicht sofort aufhört, wenn Sie die SS nicht aus der Stadt jagen, wenn Sie die Panzersperren nicht sofort öffnen, werde ich in allerkürzester Zeit 30 bis 40 Flugzeuge schicken. Ich werde schwere Artillerie auffahren lassen und die Stadt zu einem Trümmer- und Aschenhaufen machen lassen. Haben Sie mich verstanden?“ Frei erreicht Kratts Schwager, den Gastwirt Volk, der Stadtpfarrer Josef Zuber informiert. Gegen 13.20 Uhr zeigt der stellvertretende „Kampfkommandant“ Reichardt Einsicht und zieht die restlichen Truppen (Wehrmacht und SS) nach Osten ab. Es verbleiben nur noch führungslose Spähtrupps in der Altstadt. 13.25 Uhr Vikar Ruby begibt sich auf den Turm. Pfarrer Zuber und Volk geben das Signal zum Hissen der weißen Fahne. Franz Stuber und Mathäus Hermann sichern mit Zuber den Eingang. Volk lässt auf dem Kamin der Obstbau (Vorgängerbau Höllturmpassage) durch Stuber eine zweite Fahne hissen. Von der Kreuzung Post-Schützenstraße versuchen SS-Leute mit einem Maschinengewehr die Fahne abzuschießen. Als der in Güttingen verbliebene SS-Major Herbert von der Fahnenhissung erfährt, verlangt er die unverzügliche Beseitigung und macht die örtlichen Amtsträger persönlich haftbar. Im Gegenzug setzen die Franzosen ein letztes Ultimatum. Als Kratt erklärt, die weiße Fahne sei gehisst und es gebe keine Truppen mehr in der Stadt, geben sich die Franzosen zufrieden und befehlen den Einmarsch. Gegen 14 Uhr rücken die ersten Panzer ein und vor der Polizei in der Bismarckstraße findet die Übergabe durch Frei, Kratt und Volk statt. In den nächsten Stunden erfolgt die vollständige Besetzung. Auf der Höhe des Bahnüberganges in der Schützenstraße versuchen einige junge SS-Männer mit einer kleinen Flak die Franzosen zu beschießen. Ein frz. Panzer schießt vom Café Lohr aus zurück und tötet die vier Flakhelfer, deren Leichen noch einige Zeit liegen bleiben, da sie sich außerhalb der Sperrzone befinden. Mit wenigen Ausnahmen kommt es offensichtlich zu keinen größeren Übergriffen auf die Zivilbevölkerung. Eine Vergewaltigung wird von der frz. Armee sofort geahndet, keine zwei Stunden nach der Tat werden zwei Soldaten vor dem Obertor erschossen.
Die angespannte Stimmung an diesem Tag erwuchs weniger aus Furcht vor den Franzosen als vielmehr vor den unberechenbaren und versprengten SS-Leuten. Bedenkt man die Vorgänge in den umliegenden Orten, zum Beispiel wurde in Singen am 23. April Bürgermeister Bäder von Radolfzeller SS-Leuten aufgehängt, weil er gegen die Verteidigung war, so lässt sich erahnen, welche Furcht herrschte und welches Risiko jene Verantwortlichen auf sich nahmen, die sich für die Übergabe der Stadt einsetzten. 75 Jahre danach wahrhaft ein Grund, sich dankbar zu erinnern und engagiert für unsere Demokratie einzubringen!
Zum Gedenken: (in Absprache Stadt und Kirchengemeinde) In diesen Tagen wird im Münster in Erinnerung an die Bewahrung der Stadt am Markustag 1945 die original erhaltene weiße Fahne aufgehängt und im - in diesem Jahr nicht öffentlichen - Gottesdienst jener gedacht, die sich damals beherzt einsetzten. Weitere weiße Fahnen am Turm werden ein weithin sichtbares Zeichen setzen. Um 12 Uhr laden die Glocken der Radolfzeller Kirchen die Menschen in der Stadt zum Innehalten ein, in Erinnerung an 1945, aber auch an jene Menschen, die aktuell weltweit sich für die Würde anderer politisch und medizinisch einsetzen! Nach Verklingen der Glocken werden deshalb zwei Trompeten vom Turm das Kirchenlied „Großer Gott“ sowie das Friedenslied „We shall overcome“ anstimmen. Es wäre schön, wenn viele Menschen zur gleichen Zeit die Arbeit ruhen ließen und sich dem Anliegen innerlich anschlössen.
 
Foto:
Reste der Panzersperren von 1945 in der Seestraße. Foto Stadtarchiv Radolfzell.