Das „Papstkreuz“ des Radolfzeller Münsters
1. Zur Geschichte der Kreuzigungsgruppe
Der Kreuzaltar im Radolfzeller Münster bezeichnet vermutlich die Stelle, an der unser Stadtgründer, Bischof Radolt, um 826 den ersten Altar errichtete. Das spätgotische Münster folgte darin den Vorgängerbauten und man ließ beim Reliquiengrab und dem Sarkophag des hl. Radolt entsprechend der Auffassung der Zeit einen Lettner zur Trennung des Kirchenschiffs (= Kirche für die Pfarrgemeinde) vom Chorraum (= Kirchenraum der Chorherren) errichten, auf dem eine Kreuzigungsgruppe ihren Platz fand. Diese scheint zu Anfang des 17. Jh. schadhaft gewesen sein, so dass man 1622 beschloss eine neue anfertigen zu lassen. Auf eine Anfrage aus Radolfzell empfahl der Rat der Stadt Konstanz[1] am 9.11.1622 den Bildhauer Hans Schenck (1580/90-1648). Dieser hatte bereits 1613 das Konstanzer Bürgerrecht erworben und genoss die Fürsprache von Bischof Jakob Fugger. Werke von Hans Schenck finden sich u. a. in Öhningen, Konstanz, Neu St. Johann im Thurtal und auch für St. Gallen schuf er nach dem Radolfzeller Auftrag einige Werke. Als man 1713 den Lettner abriss, brachte man die Kreuzigungsgruppe am Chorbogen an. Zeitgleich entstand auch die Stuckatur mit dem Jüngsten Gericht über dem Triumphbogen, bei der Christus als Weltenrichter sich der fürsprechenden Mutter Maria zuwendet und die Barmherzigkeit über die daneben stehende Justitia obsiegt. Bei der Renovation 1965 hängte man die Kreuzigungsgruppe an den südlichen Obergaden, von wo aus Christus immer noch auf den Kreuzaltar „blickte“. Mit der Papstmesse 2011 in Freiburg bot sich für die Münsterpfarrei die einmalige Chance, das Kreuz wieder in den ursprünglichen Kontext zu stellen und den seit dem Zweiten Vatikanum bei den meisten Gottesdiensten verwendeten Altar zum „Kreuzaltar“ werden zu lassen.
2. Wie unser Kreuz zum Papst kam…
Im Frühjahr 2011 erhielt die Münsterpfarrei eine Anfrage des Erzbischöflichen Ordinariats Freiburg, dass man auf der Suche sei nach einem Kreuz, das auf der Altarinsel des großen Gottesdienstes mit Papst Benedikt auf dem Freiburger Flugplatz Verwendung finden sollte. Es sollte etwa 4 m hoch sein, damit es von den Gottesdienstteilnehmern gut gesehen würde, und doch so ausdrucksstark, dass es sich zur Betrachtung eigne. Der frühere Abteilungsleiter für Bauwesen und Kunst im Ordinariat habe vier Kreuze benannt, die im Erzbistum in Frage kämen, darunter auch die Radolfzeller Kreuzigungsgruppe. Anhand von Fotos wählte Erzbischof Dr. Robert Zollitsch unser Kreuz für die Gestaltung der Altarinsel aus. Für uns war es eine wertvolle Verbindung mit dem Papst und der „Weltkirche“, als viele Gläubige aus unserer Seelsorgeeinheit dann am 25. September 2011 auf dem Freiburger Flugplatz „unter der Radolfzeller Kreuzigungsgruppe“ mit dem Papst Gottesdienst feiern durften.
3. Rückkehr in den Triumphbogen
Plötzlich war „unser Kreuz“ in vieler Munde und wurde bekannt durch „Funk und Fernsehen“. Dies war den Stiftungsräten die Überlegung wert, ob es denn dort, wo es die letzten Jahre hing, seinen liturgisch richtigen Platz gefunden hatte. Viele gotische Kirchenbauten kennen ein Kreuz oder eine Kreuzigungsgruppe im Triumphbogen oder – wo er noch vorhanden ist – auf dem Lettner, ursprünglich war dies auch in Radolfzell so. Es gibt sogar einen historisch nachvollziehbaren Zusammenhang zwischen dem Kreuz, dem Kreuzaltar und dem Stiftergrab großer Kirchen. Dieser Zusammenhang war in Radolfzell auseinandergerissen, weil einzig der Altar nach der Erneuerung des Zweiten Vatikanischen Konzils beim Triumphbogen verblieben war. Auch theologisch schien uns der Gedanke wichtig zu sein, für nachfolgende Generationen den Zusammenhang zwischen der Eucharistiefeier (symbolisiert durch den Altar) und dem Kreuz (das per se das Zeichen für Tod und Auferstehung Jesu ist) wiederherzustellen.
4. Gebet im Angesicht der Radolfzeller Kreuzigungsgruppe
Jesus Christus, gekreuzigter Heiland, im Sterben hast du uns Menschen deine Liebe bis zur Vollendung geschenkt. Du hast gezeigt, dass dir unsere Welt, unsere Not, unsere Sorgen nicht gleichgültig sind, dass du uns mit deiner Liebe erfüllen willst.
Dein Antlitz zeigt uns nicht nur deine unsäglichen Schmerzen, sondern auch deine Verbundenheit mit dem Vater und deine Hingabe in seinen Willen. Lass uns lernen von dir. Hilf uns, nach dem Willen des Vaters zu leben und uns selbstlos hinzugeben für die Menschen, sie zu lieben, wie du sie liebst.
Sterbend hast du deiner Mutter deine Jünger und deine Kirche anvertraut. Deshalb dürfen wir darauf vertrauen, dass auch wir unter dem Schutz deiner treuen Mutter stehen. Lass uns wie Maria zu dir aufschauen und leben aus deinem Blick. Birg uns in deinem Herzen und lass uns die Schönheit treuen Glaubens erfahren. Lass unsere Pfarrgemeinde treu ihren Weg unter deinem Kreuz gehen in Verbundenheit mit unserem Heiligen Vater, der unter diesem Kreuz Eucharistie gefeiert hat, und mit unseren Bischöfen, und gib, dass wir dereinst teilhaben an deinem Ostersieg, darum bitten wir dich, auf die Fürsprache unserer heiligen Hausherren Theopont, Senesius und Zeno, die in deiner Kreuzesnachfolge ihr Leben hingegeben haben, und des heiligen Radolt, heute und in Ewigkeit.
(Christof Stadlerund Pfr. Michael Hauser)
[1] KN Missiven B II, Bd. 76, fol 199/200; frdl. Hinweis Wolfgang Zimmermann / Ulrich Knapp/ Stadtarchiv Konstanz
